Interaktive Karte
Hier geht's zum Weg der Vielfalt neues FensterDie Stadt St.Gallen blickt auf eine über tausendjährige Vergangenheit zurück, wobei die erhaltene Bausubstanz – von wenigen Ausnahmen abgesehen – aus der Zeit nach dem letzten grossen Stadtbrand von 1418 stammt. Viele Bauwerke, die für das heutige Stadtbild wichtig sind und zum baukulturellen und kunstgeschichtlichen Erbe gehören, zeugen von den sozialen Machtverhältnissen und vom jeweils zeittypischen Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dem ihr Fremden. Es soll die Aufgabe des «Wegs der Vielfalt» sein, nicht nur aus heutiger Sicht problematische Darstellungen oder Orte mit einer belasteten Vergangenheit zu erkennen und den geschichtlichen Bezug herzustellen, sondern auch Geschichten von Widerstand, Solidarität und Gemeinsinn zu erzählen.
«Vielfalt» bedeutet für die Fachgruppe gesellschaftliche Diversität aufgrund sozialen wie psychologischen Kategorien und einen angemessenen, insbesondere gerechten gesellschaftlichen Umgang mit dieser Vielfalt. Zu diesen Kategorien zählen u.a. das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, das Lebensalter, die Herkunft, ethnische und kulturelle Hintergründe wie Religion und Sprache, Weltanschauung und biologische Funktionen sowie die sozio-ökonomische Situation. Dabei handelt es sich um Kategorien, die massgeblich sind für das Gefühl von Identität und Zugehörigkeit. Damit verbunden ist die Frage, inwiefern tatsächliche oder mutmassliche «Angehörige» bestimmter Gruppen Diskriminierungen und Benachteiligung erfahren oder über Privilegien und Teilhabemöglichkeiten verfügen. In Anlehnung an das Postulat konzentriert sich der «Weg der Vielfalt» auf Aspekte rund um Migration, Asyl, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus und Frauengeschichte. Die (anderen) genannten Kategorien der Diversität werden insofern (mit-) berücksichtigt, als sie mit diesen Aspekten in einem spezifischen Zusammenhang stehen.
Wer heute über Diskriminierung, Rassismus und soziale Asymmetrien schreibt, muss sich damit auseinandersetzen, aus welchem Sprachbewusstsein und aus welcher gesellschaftlichen Position heraus diese Kommunikation erfolgt. Dabei stehen sich zwei Extrempositionen gegenüber. Eine materialistische bzw. marxistische Auffassung geht davon aus, dass Sprache nur Überbau sei, dass sich also, wenn sich die ökonomische Basis verändert, auch die Sprache ändert. Der amerikanische Linguist Benjamin Lee Whorf (1897–1941) hingegen spricht in einem seiner bahnbrechenden Werke von «Sprache, Denken, Wirklichkeit» (1963) und argumentiert, die Sprache präge unser Denken, und dieses wiederum die Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit um uns herum konstruieren oder wahrnehmen.
Zwischen diesen beiden Polen stehend, haben wir, die Autorinnen und Autoren der Texte im «Weg der Vielfalt» versucht, den aktuellen Debatten um eine genderneutrale und rassismussensible Sprache gerecht zu werden und Bezeichnungen zu wählen, welche die Würde aller wahren. Zu diesem Zweck haben wir die Texte zu sämtlichen Erinnerungsorten von einer externen Fachperson gegenlesen lassen.
Wir sind uns bewusst, dass bestimmte Begriffe Menschen mit Rassismus-, Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen verletzen oder gar (re)traumatisieren können. Und wir sind uns bewusst, dass die unhinterfragte Verwendung bestimmter Begriffe rassistische Denkweisen und Überlegenheitsvorstellungen fortschreiben oder gar noch verstärken kann.
Wo es um Geschlechtszuordnungen geht, verwenden wir entweder Ersatzbegriffe («Personen», «Menschen»), Doppelnennungen («Jüdinnen und Juden») und den Gender-Doppelpunkt («Sinti:zze»), der ausdrückt, dass es über die traditionellen Kategorien «Mann» und «Frau» hinausgehend noch weitere Gender und Genderlesarten gibt. Der Gender-Doppelpunkt ist nach derzeitiger Lehrmeinung die leser:innenfreundlichste Genderschreibweise und barrierefreier als andere Formen. Er ist inklusiver, weil er von Sprachausgabeprogrammen für Blinde oder Menschen mit Sehbehinderungen am besten wiedergegeben werden kann, indem für den Doppelpunkt eine kurze Sprechpause eingefügt wird.
Im Rassismusbereich verzichten wir bewusst auf extrem verletzende Begriffe wie das N-Wort. Andere Begriffe wie «Zigeuner» oder «Mohren» kommentieren wir, setzen sie als Zitate in Anführungs- und Schlusszeichen, vermeiden sie wenn möglich oder ersetzen sie mit z.B. Mauren. Statt von «Sklavinnen» und «Sklaven» sprechen wir von «Versklavten», um damit klarzumachen, dass es sich bei diesem Status um nichts Natürliches handelt, sondern dass Menschen immer durch einen administrativen oder physischen Gewaltakt dazu gemacht wurden. Das Adjektiv «Schwarz» schreiben wir gross, wenn es eine rassifizierende Zuordnung ausdrückt, das Adjektiv «weiss» im selben Kontext kursiv. Wir sind vorsichtig mit einem Begriff wie «rassenhygienische Forschung» und setzen ihn in Anführungszeichen, weil er (fälschlicherweise) implizieren könnte, dass es sich dabei um seriöse und valide Forschung handelt und es menschliche «Rassen» gibt, die durch geeignete (gewaltsame, verbrecherische und dehumanisierende) Massnahmen «rein gehalten» oder «rein gemacht» werden können.
Wo es um Menschen geht, die nachhaltige körperliche, seelische oder geistige Einschränkungen haben, verwenden wir sowohl den problematisierten Begriff «Behinderung», weil die betroffenen Menschen durch fehlende Inklusionsmassnahmen in ihrer Lebensführung immer wieder behindert werden, als auch den weniger belasteten Ausdruck «Beeinträchtigung».
Sprache verändert sich laufend, das ist eine Binsenwahrheit. Wir sind uns bewusst, dass auch die vorliegenden Texte des «Wegs der Vielfalt» irgendwann wohl überarbeitet werden müssen, wenn sich die Gesellschaft und die Sprachsensibilitäten wandeln. Es ist der Vorteil einer digitalen Sammlung bedeutsamer Orte, dass dies rasch und ohne grossen Aufwand machbar ist.
Um das Thema so objektiv wie möglich und so konkret wie nötig zu begleiten, konstituierte sich eine Fachgruppe «Vielfalt». Diese ist mit den folgenden Personen besetzt:
- Katharina Morawek, Kuratorin und Organisationsentwicklerin, Geschäftsführung Zentrum Künste und Kulturtheorie (UZH und ZHdK)
- Rita Kesselring, assoziierte Professorin für Urban Studies an der Universität St.Gallen
- Judith Grosse, Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte
- Nicole Stadelmann, Co-Leiterin Stadtarchiv und Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen
- Hans Fässler, Historiker und Stadtführer
- Matthias Fischer, Leiter Denkmalpflege Stadt St.Gallen
- Peter Tobler, Gesellschaftsfragen Stadt St.Gallen
Projektleitung: Samuel Zuberbühler, Standortförderung Stadt St.Gallen
Technische Unterstützung: Dienststelle Geomatik und Vermessung
15. August 2023 bis am 15. Oktober 2023: Meldung und Erfassung von Orten und Persönlichkeiten
1. Aufschaltung und mediale Verbreitung einer öffentlich zugänglichen interaktiven Karte auf der Webseite der Stadt St.Gallen. Darin können Orte lagemässig eingetragen und Zusatzinformationen gespeichert werden. Dadurch sollen möglichst viele Betroffenengruppen und Personen, die aus ihrer Sicht wichtigsten Repräsentationen und Erinnerungsorte aus spezifischen Themenfeldern erfassen können: Orte, Häuser, Bauwerke, Denkmäler, Fassaden, Kunstobjekte, etc. Diese sollen verschiedene Aspekte der gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt thematisieren und sowohl negative (geschehenes Unrecht), aber auch positive und inspirierende Erinnerungen (Widerstand gegen Unrecht, Pionierleistungen im Menschenrechtsdiskurs) beinhalten und intersektionale Bezüge aufweisen.
2. Prüfung, Selektion und Ergänzung der erfassten Orte durch die «Fachgruppe Vielfalt» sowie Konzipierung eines «Weges der Vielfalt» durch die Stadt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist jedoch noch nicht klar, ob es ein fixer Weg oder eher ein «Netz der Vielfalt» geben wird. Bei einem «Netz der Vielfalt» wären die definierten Objekte räumlich über die Stadt verteilt.
November/Dezember 2023: Erste Auswahl
3. Spiegelung und kritische Prüfung der ausgewählten Objekte mit den betroffenen Personengruppen. Dieser Diskurs soll breit geführt werden, um die Betroffenengruppen bestmöglich zu involvieren. Daraus ergibt sich eine definitive Auswahl von historischen Orten, Bauwerken, Denkmälern und Kunstobjekten, welche danach in den «Weg der Vielfalt» resp. in das «Netz der Vielfalt» integriert werden.
18. Januar 2024: Dialogveranstaltung mit Öffentlichkeit
4. Die zu vermittelnden Inhalte der definierten Orte, Bauwerke, Denkmäler und Kunstobjekte sind adressatengerecht und medienspezifisch aufzubereiten. Der Zugang zu den Informationen muss breit und niederschwellig möglich sein. Eine Art «self-guided»-Lösung wird bevorzugt. Denkbar ist eine interaktive Karte kombiniert mit QR-Codes, welche als Web-Karte in eine Webseite eingebunden und gleichzeitig als Web-Applikation für mobile Geräte bereitgestellt werden kann. Zusätzlich wird der zu Grund liegende Datensatz zur weiteren Nutzung als Open Data zur Verfügung gestellt.
Frühling 2025: Veröffentlichung und Betrieb ab 20. März 2025
5. Da sich die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt sowie die Interpretation von bestehenden Erinnerungsorten verändern und in Zukunft neue, relevante Orte auf Stadtgebiet entstehen können, ist die Bewirtschaftung des «Weges der Vielfalt» eine Daueraufgabe und soll durch die unabhängige Instanz «Fachgruppe Vielfalt» betreut werden. Die Fachgruppe nimmt Anregungen entgegen und prüft neue Orte, Bauwerke oder Denkmäler, die in den «Weg der Vielfalt» aufgenommen werden sollen.
6. Der technische Betrieb des «Wegs der Vielfalt» und damit die digitale Sammlung der Inhalte sowie die geographische Verortung wird vom Rauminformationszentrum der Dienststelle Geomatik und Vermessung betreut. Die Inhalte sind damit öffentlich und kostenlos über das Internet als Web-Karte oder via Web-Applikation auf mobilen Geräten einsehbar sowie als Open Data verfügbar.